Thomas Gerhards



Blickachsen 3 :

Skulpturen im Kurpark Bad Homburg v.d.Höhe
Herausgeber, Konzeption und Redaktion: Christian K. Scheffel
Text: Dr. Gottlieb Leinz
Übersetzung ins Englische von Sophie Zeitz und Lisa Stewart
Edition und Galerie Scheffel GmbH, Bad Homburg, 2001

ISBN 978 - 3 - 926546 - 37 - 9


[ english ]

Memory I, 1998

Aus dem Katalog: Blickachsen 3

Thomas Gerhards

Ursprünglich hatte Gerhards seine Sitzbank aus verzinktem Stahl vor dem Heimathaus (diente auch als Standesamt) in Everswinkel bei Münster aufgebaut. Der Kulturkreis dieser dörflich geprägten Gemeinde hatte 1998 unter dem Motto “Der Stille Winkel” den Bildhauer aufgefordert, ein Denkmal für die stark umgebaute Innenstadt auszuführen. Neben dem Tor zum Heimathaus, wo offenbar schon immer Sitzbänke zur Platzmitte hin aufgebaut waren, positionierte Gerhards seine Bank, die er nach eigenem Entwurf ausführte. Die in bequemer Rückenneigung gewinkelte Konstruktion weist vier Vierkantrohre für die Sitzfläche sowie drei für die Lehne auf. Der Untergrund von Sitz- und Rückenfläche zeigt das Photo einer strahlenden Berglandschaft, das unter den Vierkantrohren zwischen zwei Acrylglasscheiben eingebettet ist. Sieben Tageslichtröhren leuchten das Photo aus. Aus der Sitzbank wurde eine Licht-Bank, die naturgemäß erst bei Dunkelheit, wenn die Lichtquellen wie von innen her die Landschaft aufleuchten lassen, ihre magische Ausstrahlung entfaltet. Gerhards versetzte nun eine Lichtbank an das Ufer des Binnensees im Kurpark von Bad Homburg, wo sie sich bei Abendlicht durch die Spiegelung der nahen Wasseroberfläche verdoppelt. Eine zweite eigens für Bad Homburg ausgeführte gleiche Bank plazierte er unter Bäumen in der Nähe des Siam-Tempels. Hier erlaubt sie dem Besucher auch bei Tage das entrückende Glockenspiel am Tempelgiebel zu genießen und sich der verzaubernden Wirkung der fremdartigen Architektur hinzugeben.


Hier wie dort, am See wie neben der Staffagearchitektur, kann die Ruhebank als übliches Requisit eines jeden Landschaftsgartens der Verinnerlichung und der Erinnerung an das Erhabene dienen. Eben dieser Dialog mit der Natur, dem Licht und dem Erhabenen, das einem so scheinbar romantischen Bild von René Magritte gleicht, wird wesentlich getragen durch das Motiv der lichtvollen Gebirgslandschaft, auf das im handgreiflichen Sinne der Besucher Platz genommen hat. Ohne ein verifizierbares Gebirgsmassiv abbilden zu wollen, hat Gerhards beide Panoramabilder so gewählt, dass der Sitzende das Bergmassiv im Rücken “trägt”, während er selbst “im Tal” sitzt. Er scheint dabei wie auf einem Hochsitz zu schweben und sich – wie es dem nachdenkenden Menschen eigen ist – dem Mysterium religiöser Gefühle oder philosophischer Gedanken hinzugeben.


“Memory” lautet der hintersinnige Titel der Ruhebank, gedenken an den Sinn des Lebens und an die Utopie ferngerückter, durch Rohre vergitterter Hoffnung auf Erlösung und Licht.


Dr. Gottlieb Leinz
(Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg)


Top | Startseite | Impressum | Kontakt | RSS 2.0