Thomas Gerhards



Semper Rotans / Animierte Skulpturen aus der Kunstakademie Münster zu Gast an der Akademie der Bildenden Künste Wien :

Herausgeber: Kunstakademie Münster, Hochschule für Bildende Künste
Ausstellungs- und Katalogkonzeption: Timm Ulrichs
Schriften der Kunstakademie Münster, 2000

ISBN 978 - 3 - 928682 - 24 - 5

Katalog: Semper Rotans

BEWEGEND - BEWEGT
Animierte Skulpturen aus der Kunstakademie Münster

Als eine “Spezialität unseres Hauses”, der Kunstakademie Münster, könnte man bezeichnen, was diese Ausstellung versammelt: Skulpturen und Objekte, nicht groß in ihren Ausmaßen zumeist, aber weit reichend in ihrem Aktionsfeld und Einflußbereich, und dies dank einer Charakteristik, die all’ diesen Gebilden eignet: Die Werke nämlich zeigen Bewegung, keine bloß illusionistische, potentielle oder virtuelle allerdings, sondern faktische, reale, motorische Bewegung. Der Beweg-Grund dafür ist nicht eigentlich Bewegung an sich und für sich im Sinne “klassischer” kinetischer Kunst, die einem futuristischen und konstruktivistisch-neoplastizistischen Entwicklungsstrang der abstrakt-konkreten Kunst folgt; gemeint ist eher eine Linie, die ebenso auf außerkünstlerische Vorbilder und Quellen zurückweist - Maschinen und (Musik-)Automaten, mechanisches Spielzeug, “Tableaux animés”, Androiden und Marionetten - wie auf dadaistisch-surrealistische Produktionen. Die apologetische, fortschrittsgläubige, auf Gestaltungspsychologie und exakter Naturwissenschaft und Technik basierende (Licht-)Kinetik, die in den sechziger Jahren ihren Höhepunkt hatte - 1960 beispielsweise erschien die programmatische Anthologie “Movens”, Paul Wember zeigt 1963 im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum umfassend “Bewegte Bereiche der Kunst” und die “documenta III” in Kassel 1964 eine gesonderte Abteilung “Licht und Bewegung”, und mit der Schau “The Responsive Eye” im New Yorker Museum of Modern Art feierte die Op Art 1965 Triumphe -, ist mittlerweile aus dem Ausstellungsbetrieb fast vollständig verschwunden, nicht nur, weil den Museen die Unruhe stiftende Motorik, Wartung, Störanfälligkeit, Ersatzteilhaltung und dergleichen lästig und unbequem sind, auch nicht nur, weil viele darin eine “kalte Kunst” sehen (wie Karl Gerstner 1957 ein Buch provokant betitelte); der Hauptgrund dürfte sein, dass viele der Erfindungen dieser einst gefeierten “neuen Tendenz” inzwischen ins Design und in die Architektur abgewandert sind oder von den “Special-Effects”-Studios der Film- und Unterhaltungsindustrie überboten werden. Dabei kann diese Art Kunstpraxis durchaus mit großen Namen und Taten aufwarten: Tatlins “Denkmal der III. Internationale”, 1919/20, Alexander Rodtschenkos hängende “Raumkonstruktionen”, 1920, Naum Gabos erste kinetische Skulptur, ein rotierender, vibrierender Stahldraht, ebenfalls aus dem Jahr 1920, László Moholy-Nagys “Lichtrequisit”, 1922-30, und sein großartiges Buch “Vision in Motion”, 1947, die Recherchen Victor Vasarelys, die urbanistischen Entwürfe Nicolas Schöffers, die Mobiles von George Rickey ab 1945, die Werke von Jesus-Raphael Soto und Yaacov Agam, Otto Pienes “Lichtballet” ab 1959 und vieles andere von vielen anderen mehr. Während die so “positiv” intendierte Kinetik weitgehend von der Bildfläche abtrat, hat die “negative” Kinetik sich als standfester erwiesen, indem sie - wie Chaplin in “Modern Times”, 1936 - der Maschinenkunst distanzierter, durch Skepsis, Ironie und Humor gewappnet begegnete. Auch ihre Geschichte kennt Helden und große Erfolge: Kleist - “Über das Marionettentheater”, 1810 - und Oskar Schlemmer - “Triadisches Ballet”, ab 1912 -, Man Ray - das erste Mobile aus Kleiderbügeln, betitelt “Obstruktion”, von 1920, den sich drehenden Lampenschirm, 1919, das “Objekt to Be Destroyed”/”Indestructible Objekt”, 1923, aus Metronom und Augen-Bild -, Alexander Claders Mobiles seit 1932, das “absurde Theater” Tardieus und Ionescos, Jean Tinguelys “Metamechanik”, Skulpturen von Pol Bury, Harry Kramer und anderen. Und eine souveräne Gestalt wie Marcel Duchamp konnte gleich beiden Seelen in seiner Brust, der konstruktivistischen und der dadaistischen, Ausdruck verleihen: mit rotierenden Glasscheiben, 1920, dem Film “Anémic Cinéma”, 1925/26, und der Edition von “Rotoreliefs”, 1935, auf der einen Seite und dem Fahrrad-Rad von 1913 auf der anderen. Eine auf simple Entwicklungslinien erpichte Kunstkritik und ein als Verdrängungswettbewerb fungierter Markt allerdings haben das aktuelle Feld dieser Form der Bewegungskunst fast gänzlich einer einzigen Künstlerin, Rebecca Horn, überlassen wollen. Unsere kleine Ausstellung “animierte Skulptur”, wie ich sie im Unterschied zur tradierten Kinetik nennen möchte, könnte dazu dienen, einen neuerlichen, veränderten Blick auf dies Phänomen zu werfen. In den geistvollen, erfindungsreichen, durchaus ingeniösen, von Kunstverstand und Einbildungskraft, Spieltrieb und Bastelleidenschaft gleichermaßen gespeisten Werken dieser Schau ist die Ding-Welt nicht besetzt mit “toten” Gegenständen; vielmehr erscheinen die Maschinen belebt, animiert, ja “beseelt”, voller Eigenleben und Eigensinn. Durch das Zusammenspiel von menschlichem Maß und dialogischem Reaktionsvermögen (mittels installierter Infrarot-Bewegungsmelder) muten sie humanisiert, vermenschlicht an, von menschlicher Größe, wie ein Gegenüber, ein Gesprächspartner; und diese menschlichen Züge äußern sich nicht nur in Bewegung, sondern ebenso in Lauten und Tönen, ohne die Absicht, Leben zu imitieren, wie dies bei den genannten Androiden zu beobachten war. Es kommt vielmehr die “andere” Seite der umfunktionierten Gegenstände zur Anschauung, die sie im alltäglichen Funktionszusammenhang nicht zu erkennen geben. Die häufig eingesetzten Haushaltsgeräte und Werkzeuge - Ventilator, Schallplattenspieler, Toaster, Mixer, Fön, Massagestab, Schwingschleifer, Bohrmaschine oder Scheibenwischer - werden gleichsam zu einem noch unbekannten Leben erweckt, das humorvoll und poetisch sein kann, dem Betrachter kontaktfreudig-freundlich zugewandt; es kann sich aber auch wider-ständig, wider-borstig, eben gegen-ständlich gebärden und von der Fremdheit des uns scheinbar Vertrauten sprechen. Da lauert dann die “Tücke des Objekts” (“vom Tagesanbruch bis in die späte Nacht, solang irgendein Mensch um den Weg ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke”, vermutete Friederich Theodor Vischer in seinem Roman “Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft”, 1878), bis es schließlich lästig wird wie der Besen von Goethes “Zauberlehrling” (1797) und die “Sorge des Hausvaters” hervorruft wie Kafkas “Odradek”. Was immer in diesen Werken spielt, uns mitspielt, verrückt spielt, sein Wesen und Unwesen treibt: Merk- und denk-würdig ist das Allemal und “lebendig” in wohl mehr als nur doppeltem Sinne.


Timm Ulrichs
(Kunstakademie Münster, Hochschule für Bildende Künste)


Top | Startseite | Impressum | Kontakt | RSS 2.0