Thomas Gerhards



Gerhards, Thomas :

Thomas Gerhards : [Ortswechsel] / [Hrsg.: Josef Spiegel. Text Gottlieb Leinz]. - Schöppingen : Künstlerdorf Schöppingen, 1998

ISBN 978 - 3 - 9805784 - 4 - 5

schießender Toaster, 1998zarter Kontakt, 1992rotierendes Sofa, 1995zwei Spülen, 1997sich langsam öffnende, sich langsam schließende, … Tür, 1998ohne Titel, 1989/90

Katalog: Thomas Gerhards

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Gegenstände und Erlebnisse unserer alltäglichen Umwelt, die uns wohlvertrauten häuslichen Räume, sei es Küche oder Wohnzimmer, scheinen sich plötzlich völlig zu verändern und zu verwandeln, wenn die Objekte in ihnen geräuschvoll losgelassen sind. Dabei tauchen die Menschen selbst nicht auf. Der kunstfertige Maschinen-Mensch, der in Zeiten der ersten Weltausstellungen und Wundertaten “homme machine” hieß, als auch der jugendliche Anarchist halten sich verborgen. Sie agieren aber im Sinne des “Vaters der Maschine” Jean Tinguely, der sich bis zuletzt, bis zur langen Serie der aus Schrott und Eisen konstruierten “Philosophen”, als “unverbesserlicher Scharlatan, Klamaukmacher und Taschenspieler” hinter sein Werk zurückgezogen hatte und sein Spiel aus der Hinterhand trieb.


Eine vergleichbare “meta-physische” Methode aus Mechanik, Witz und Ironie betreibt auch Thomas Gerhards, wenn er das “bewegte Schicksal” der Objekte inszeniert und in Gang setzt.
Die exaltierte Komik und Eigendynamik eines Gerätes verbündet sich in jeder Installation auf jeweils eigene Weise immer mit dem stoischen Glauben an die Unverwüstlichkeit des Materials und die nie versiegende Perfektion und Dauer der Energie. Beide Vorgaben, so wissen wir allerdings, treffen nur im perpetuum mobile zu, in der auf ewige Dauer konstruierten Idealmaschine.


Doch eben aus dieser Spannung leben die Konstruktionen von Gerhards, wenn er die ganz gewöhnlichen mechanischen Abläufe und physikalischen Gesetze ausnutzt, um die ursprünglichen Funktionen seiner Apparate und ihrer Produkte (Toastscheiben) umzulenken und gezielt auf einen bestimmten bedrohlichen Punkt zu bringen, auf den seine “Kunst der Bewegung” sich konzentriert: nämlich so lange zu warten, bis der “zarte Kontakt” der Eimer in Meditation überspringt, so lange ausharren, bis das “rotierende Sofa” seine schwindelerregende Motorik erreicht hat, so lange zuzuhören, bis die Schiebetüren und Schubladen der “zwei Spülen” krachend zufallen, solange die Spannung aufzubauen und zu halten, bis sich die Tür, wie von fremder Hand bewegt, öffnet und schließt.


Aus diesem kunstvollen Umgang mit dem Objekt und seinen Mechanismen entstehen unmerklich jene surrealen Illusionen und beunruhigenden Bilder, die sich aus der Beobachtung der manipulierten Abläufe einstellen. Wie sich die in Zeit und Raum fixierten Objekte ins Gegenteil ihrer ursprünglichen Funktionen kehren, so schlägt für den Beobachter ab einem bestimmten Zeitpunkt die andauernde und gleichartige Rotation aus Bewegung und Motorik ins Gegenteil um, in Statik und Ruhe. Die Konstruktion der Installation, die in ihrem gelenkten und erzwungenen Ablauf im wörtlichen Sinne schockartig Macht über uns gewonnen und uns gleichsam überfallen hat, wird nunmehr durchschaut. Dies bedeutet, dass sich bis zum nächsten Anlauf der sich wiederholenden Bewegung unsere Sinne in zunehmendem Maße entspannen bis ein Verstehen aller zusammengehörigen Teile einsetzt und die Kraft der Objekte ins Leere läuft. Die scheinbar immer verfügbare Maschine und der ungebrochene Einsatz der Technik laufen sich tot. Das Tempo, sei es extrem langsam und leise wie in der Tür-Installation oder extrem laut und schnell wie in dem Stampfer, wird domestiziert. Das Kunstwerk, das wie ein Räderwerk einer Uhr funktioniert und dem Maß seiner vorgegebenen Zeit folgt, sitzt in seiner eigenen Falle. Wie im Sisyphos-Mythos wird aber jede neu einsetzende und durch Ton und Geräusch verstärkte Bewegung dennoch erneut in Kraft treten, um diese Passivität zu überholen.


Dieses künstlerische Konzept mit der Lust an der Veränderung unterliegt nicht zuletzt dem Gesetz des Rituals und der Magie, gerade weil die Werke in ihrer Technik und Bewegung zerbrechlich und vergänglich sind. Vielleicht handelt es sich auch hier um “Metaphern mechanischer Dämonen” (John Chamberlain zu seinen “Crash’s”), die sich der “Vernichtung des Dings” (Martin Heidegger) vehement entgegenstellen.


Gottlieb Leinz
(Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg)


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